Das Lyatoshynsky Trio kehrt nach einem intensiven Konzertsommer nach Wien zurück – mit einem Abend zwischen Musik, Geschichte und gesellschaftlichem Dialog.
Nach einem intensiven Sommer auf europäischen Bühnen kehrt das Lyatoshynsky Trio am 30. September nach Wien zurück. Im Bank Austria Salon im Alten Rathaus setzt das Ensemble seine eigene Kammermusikreihe fort – diesmal mit einem Format, das bewusst über das klassische Konzert hinausgeht.
Unter dem Titel „PLUS LUCIS – Musik zwischen Schatten und Licht“ treffen Musik, Geschichte und Fragen unserer Gegenwart aufeinander. Um 18:00 Uhr beginnt der Abend mit dem Live-Podcast „Wer schreibt Europas Musikgeschichte?“, um 19:00 Uhr folgt das Konzert des Lyatoshynsky Trio.
Für Mykhaylo Zakharov, Violine, Susanne Szambelan, Violoncello, und Artem Yasynskyy, Klavier, liegen ereignisreiche Monate hinter ihnen. Der Sommer führte das Trio vom Cap Ferret Music Festival an der französischen Atlantikküste über das Ost-West Musikfest und das Beethoven Plus Festival bis zu den Salzburger Festspielen. Dort war das Ensemble beim Eröffnungsfest im historischen Carabinierisaal des DomQuartiers mit gleich zwei Programmen zu erleben. Es war die Fortsetzung eines künstlerischen Weges, der das Trio in den vergangenen Jahren unter anderem ins Wiener Konzerthaus, an die Opéra Comique in Paris und in die Nationalphilharmonie der Ukraine geführt hat.
Doch gerade bei diesem Ensemble erzählen Orte und Namen nur einen Teil der Geschichte. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie ukrainische Musik jenseits nationaler Zuschreibungen hörbar werden kann – nicht isoliert, sondern im Dialog mit der europäischen Musiktradition und mit künstlerischen Stimmen der Gegenwart. Dabei entstehen Programme, in denen vermeintlich Bekanntes auf noch zu Entdeckendes trifft und musikalische Verbindungen sichtbar werden, die lange kaum wahrgenommen wurden.
Diese Suche nach Verbindungen prägt auch den Wiener Abend. „PLUS LUCIS“ ist nicht als bloße Abfolge von Werken gedacht, sondern als musikalischer Dialog. Im ersten Teil begegnen sich mit Arvo Pärt, György Kurtág, Valentin Silvestrov und Maxim Shalygin vier sehr unterschiedliche Stimmen des 20. und 21. Jahrhunderts. Ihre Musik führt in unterschiedliche Klangwelten und kreist doch immer wieder um Erinnerung und Vergänglichkeit, Stille, Zeit und die Frage, was bleibt. Einen besonderen Platz nimmt Shalygins „Engel“ ein – ein eindringliches Werk über Liebe, Erinnerung und das Gedenken an jene, die nicht mehr da sind.
Im zweiten Teil spannt sich der Bogen über mehr als zwei Jahrhunderte. Ludwig van Beethovens „Geistertrio“ op. 70 Nr. 1 trifft auf „Plus Lucis“ des österreichischen Komponisten Alfred Huber. Ein Werk aus dem Zentrum des europäischen Kanons begegnet damit einer zeitgenössischen Komposition – und macht zugleich hörbar, worüber an diesem Abend bereits vor dem Konzert gesprochen wird.
Denn die Frage „Wer schreibt Europas Musikgeschichte?“ ist dem Konzert nicht zufällig vorangestellt. Im Live-Podcast treffen drei unterschiedliche Perspektiven aufeinander: der Historiker und Podcaster Ralf Grabuschnig, der Komponist Alfred Huber und die Kulturmanagerin und Kuratorin der Reihe Julia Ostroverkhova.
Im Mittelpunkt steht die Ukraine – und eine zunächst einfache Frage: Warum kennt die ganze Welt Beethoven, während selbst ein Komponist von der Bedeutung Borys Lyatoshynskys über Jahrzehnte außerhalb der Ukraine nahezu unbekannt geblieben ist?
Wer entscheidet, welche Komponist:innen Eingang in Konzertprogramme und Lehrbücher finden und schließlich Teil unseres kulturellen Gedächtnisses werden? Wie prägen politische Geschichte, Machtverhältnisse und imperiale Strukturen das, was wir heute selbstverständlich als „europäische Musikgeschichte“ wahrnehmen? Und wie vollständig ist diese Geschichte überhaupt?
Der russische Angriffskrieg hat Europas Aufmerksamkeit für ukrainische Kultur grundlegend verändert. Werke und Namen, die lange kaum wahrgenommen wurden, finden heute zunehmend ihren Weg auf internationale Bühnen. Doch Aufmerksamkeit allein garantiert noch keine nachhaltige Veränderung. Was bleibt von diesem Interesse, wenn die unmittelbare Aufmerksamkeit und Solidarität eines Tages nachlassen? Wie kann ukrainische Musik dauerhaft Teil des europäischen Konzertlebens werden – nicht allein als kulturelle Stimme eines angegriffenen Landes, sondern aufgrund ihrer künstlerischen Bedeutung und als selbstverständlicher Teil einer gemeinsamen europäischen Kulturgeschichte?
Für Julia Ostroverkhova, Kuratorin der Reihe und Managerin des Lyatoshynsky Trio, liegt gerade darin auch eine zentrale Aufgabe zeitgemäßer Konzertformate:
„Für mich sollte ein Konzert heute mehr sein als die Präsentation eines Programms. Mich interessieren Formate, in denen Musik gesellschaftlich relevante Fragen öffnet und Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Geschichte, Identität, Erinnerung oder kulturelle Zugehörigkeit lassen sich nicht nur diskutieren – wir können sie auch hören. Genau dort, wo künstlerische Erfahrung und gesellschaftlicher Diskurs aufeinandertreffen, wird ein Konzert für mich besonders spannend.“
So bleibt die Frage nach dem musikalischen Kanon an diesem Abend nicht theoretisch. Sie setzt sich im Konzert fort: Silvestrov begegnet Pärt und Kurtág, Maxim Shalygin bringt eine Stimme der Gegenwart ein, und Beethovens „Geistertrio“ steht Alfred Hubers „Plus Lucis“ gegenüber – Musik unterschiedlicher Zeiten und Herkunft, die an diesem Abend in einen gemeinsamen Dialog tritt.
Am 30. September ist das Wiener Publikum eingeladen, diesen Dialog mitzuerleben – zuerst im Gespräch, dann in der Musik und vielleicht mit einem etwas anderen Blick darauf, was wir unter europäischer Musikgeschichte verstehen.
PLUS LUCIS – Musik zwischen Schatten und Licht
30. September 2026 | Bank Austria Salon im Alten Rathaus, Wien
18:00 Uhr – Live-Podcast „Wer schreibt Europas Musikgeschichte?“
19:00 Uhr – Konzert des Lyatoshynsky Trio
Mit Werken von Arvo Pärt, György Kurtág, Valentin Silvestrov, Maxim Shalygin, Ludwig van Beethoven und Alfred Huber.
Weitere Informationen und Tickets:
„PLUS LUCIS“ am 30. September 2026 in Wien
