Tetiana Bardak ist Gynäkologin aus Kiew. Sie arbeitet mit Frauen, Mädchen und Jugendlichen und weiß aus ihrer Praxis sehr genau: In diesem Beruf reichen fundierte medizinische Kenntnisse allein nicht aus. Ebenso wichtig sind Einfühlungsvermögen, Geduld, Empathie und die Fähigkeit, mit einem Kind so zu sprechen, dass es sich gehört und geschützt fühlt.

Ihr professioneller Ansatz verbindet evidenzbasierte Medizin mit einem menschlichen und respektvollen Umgang. Bei einer Konsultation geht es nicht nur darum, die Patientin zu verstehen, Vertrauen aufzubauen und Symptome medizinisch einzuordnen. Ebenso wichtig ist es zu erkennen, was das Mädchen selbst beschäftigt: Wovor hat es Angst? Wofür schämt es sich? Welche Fragen trägt es vielleicht schon seit Jahren mit sich herum? Und woher bezieht es seine Informationen über den eigenen Körper?

Tetiana Bardak ist überzeugt: Eine gute Kinder- und Jugendgynäkologin ist eine Ärztin, bei der ein Mädchen jede Frage stellen kann, ohne Angst haben zu müssen, verurteilt zu werden. Denn hinter einem scheinbar einfachen „Ist das bei mir normal?“ steckt manchmal eine viel tiefere Frage: „Ist mit mir alles in Ordnung? Bin ich wie die anderen? Kann ich meinem eigenen Körper vertrauen?“

Genau darüber haben wir mit Tetiana Bardak gesprochen: über den ersten Besuch bei der Gynäkologin, Ängste und Scham, die Rolle der Mutter, den Einfluss sozialer Medien, Mythen rund um die Menstruation, die psychische Verfassung von Jugendlichen und darüber, wie ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper entstehen kann.

Gynäkologin: über Vertrauen, Ängste, den eigenen Körper und das Erwachsenwerden

Die Kinder- und Jugendgynäkologie ist ein Bereich, in dem es besonders wichtig ist, hinter einer medizinischen Beschwerde auch das Kind selbst zu sehen. Hinter den Worten „Ich habe Bauchschmerzen“ können manchmal Angst, Sorgen, Probleme in der Familie, Mobbing oder schlicht Unsicherheit darüber stehen, was gerade mit dem eigenen Körper geschieht.

— Stimmen Sie der Aussage zu, dass eine moderne Kinder- und Jugendgynäkologin nicht nur Ärztin, sondern in gewisser Weise auch Psychologin sein sollte?

— Absolut. Ich würde allerdings sagen, dass eine Ärztin Ärztin bleiben und gleichzeitig den psychischen Zustand des Kindes verstehen sollte. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, zuhören zu können, nicht zu urteilen und einen sicheren, vertrauensvollen Kontakt aufzubauen.

Gerade in der Jugendgynäkologie ist das besonders wichtig. Denn hinter den Worten „Ich habe Bauchschmerzen“ können manchmal Angst, Sorgen, familiäre Probleme, Mobbing oder einfach Unverständnis darüber stehen, was mit dem eigenen Körper passiert.

— Wenn ein Mädchen im Teenageralter zum ersten Mal zu Ihnen kommt, was ist für Sie wichtiger: die Untersuchung oder zunächst der Aufbau von Vertrauen?

— Ganz eindeutig das Vertrauen. Ohne Vertrauen kann selbst die beste Untersuchung unvollständig sein und in manchen Fällen sogar als traumatisch erlebt werden.

Das Mädchen muss verstehen, dass es hier ruhig und respektvoll aufgenommen wird – ohne Beschämung, Vorwürfe oder Bewertung. Eine Ärztin ist jemand, der da ist, um zu helfen, zu schützen und zu unterstützen.

— Wie schaffen Sie eine Atmosphäre, in der ein Kind keine Angst mehr hat, selbst sehr intime Fragen zu stellen?

— Häufig spricht die Ärztin selbst Themen an, die ein Mädchen sich vielleicht nicht zu fragen trauen würde. Ich mache das möglichst ruhig, ohne Verwunderung und ohne Wertung, damit klar wird: Hier gibt es keine Tabuthemen.

Für mich gibt es keine „unangenehmen“ oder „peinlichen“ Fragen. Wenn ein Mädchen sie stellt, bedeutet das, dass sie für sie wichtig sind. Und sie hat das Recht auf eine ruhige, verständliche und professionelle Antwort.

— Welche Fragen beschäftigen Mädchen während der Pubertät besonders häufig, obwohl sie sich nicht trauen, sie auszusprechen?

— Sehr viele Fragen betreffen das Aussehen und die Frage, was „normal“ ist: die Brust, Körperbehaarung, Ausfluss, Geruch, Menstruation sowie Form und Aussehen der Geschlechtsorgane.

Und in den meisten Fällen verbirgt sich hinter der Frage „Ist das bei mir normal?“ eigentlich die Angst: „Bin ich so wie die anderen?“

Das ist für Jugendliche eine sehr wichtige Frage. In dieser Lebensphase vergleichen sich Mädchen besonders intensiv mit anderen und können jede Abweichung sofort als Problem wahrnehmen. Deshalb ist manchmal das Wichtigste, was eine Ärztin ihnen vermitteln kann, dass der menschliche Körper eine enorme natürliche Vielfalt aufweist.

— Warum fällt es vielen Jugendlichen schwerer, mit ihrer Mutter über den eigenen Körper zu sprechen als mit einer Ärztin?

— Weil die Mutter emotional sehr nahesteht. Und gerade deshalb kann es manchmal schwieriger sein, mit ihr über intime Themen zu sprechen.

Es gibt die Angst, die Mutter zu enttäuschen, falsch verstanden oder verurteilt zu werden. Eine Ärztin hingegen ist eine neutrale, sichere Person, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt und nicht bewertet.

Manchmal hilft gerade diese professionelle Distanz einem Kind dabei, etwas auszusprechen, worüber es lange geschwiegen hat.

— Welche Ängste hören Sie am häufigsten von Mädchen, die zum ersten Mal zu einer gynäkologischen Untersuchung kommen?

— „Wird es wehtun?“, „Werden Sie mit mir schimpfen?“, „Was, wenn mit mir etwas nicht stimmt?“, „Wird meine Mutter alles erfahren?“

Eine weitere sehr verbreitete Angst besteht darin, wegen des eigenen Aussehens oder bestimmter persönlicher Entscheidungen beurteilt zu werden.

Deshalb ist es für mich wichtig, dass ein Kind bereits in den ersten Minuten Ruhe verspürt und versteht: Es ist zu einer Person gekommen, die ihm helfen möchte.

— Mit welchen Mythen über Menstruation und Frauengesundheit werden Sie besonders häufig konfrontiert?

— Häufig hört man zum Beispiel, dass die Menstruation zwangsläufig sehr schmerzhaft sein müsse, dass ein Zyklus immer exakt 28 Tage dauern sollte oder dass man während der Menstruation keinen Sport treiben oder schwimmen dürfe.

Auch rund um vaginalen Ausfluss gibt es sehr viele Mythen. Jeglicher Ausfluss wird teilweise sofort als Anzeichen einer Infektion verstanden, obwohl physiologischer Ausfluss völlig normal sein kann.

Deshalb ist es wichtig, einem Mädchen zu erklären, wie sein Körper funktioniert, was zur physiologischen Norm gehört und in welchen Situationen tatsächlich eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden sollte.

— Wie wichtig ist die Rolle der Mutter dabei, dass eine Tochter ein gesundes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper entwickelt? Und was ist, wenn ein Kind keine Mutter hat?

— Die Rolle der Mutter ist enorm wichtig. Entscheidend ist aber nicht Kontrolle, sondern das Vorbild.

Wenn eine Mutter ruhig über den Körper spricht und ihre Tochter nicht beschämt, lernt auch das Kind, auf diese Weise mit sich selbst umzugehen.

Wenn die Mutter nicht da ist, kann diese Rolle teilweise von einer anderen nahestehenden erwachsenen Person übernommen werden – vom Vater, von der Großmutter, einer Bezugsperson oder der älteren Schwester. Entscheidend ist, dass das Kind einen Menschen hat, an den es sich mit jeder Frage wenden kann, ohne Angst vor Verurteilung haben zu müssen.

Ein Kind braucht einen Erwachsenen, bei dem es es selbst sein kann, über seine Sorgen sprechen darf und weiß, dass ihm zugehört wird.

— Was würden Sie Müttern empfehlen, denen es selbst unangenehm ist, mit ihrer Tochter über Menstruation, Intimhygiene oder körperliche Veränderungen zu sprechen?

— Man muss nicht auf den „perfekten Moment“ warten und auch nicht versuchen, ein einziges großes, ernstes Gespräch über alles zu führen.

Besser ist es, schrittweise und ganz natürlich darüber zu sprechen und auf die Fragen des Kindes einzugehen. Und wenn es einem selbst schwerfällt, ist auch das in Ordnung. Man kann gemeinsam eine Ärztin aufsuchen und die Fragen von einer Fachperson beantworten lassen.

Für eine Mutter ist es ebenfalls wichtig zu verstehen, dass sie nicht alles wissen muss. Manchmal kann eine sehr gute Antwort lauten: „Ich weiß es nicht. Lass uns gemeinsam die Antwort herausfinden.“

Für das Kind entsteht dadurch das Gefühl, dass das Erwachsenwerden ein gemeinsamer Prozess ist, in dem es Unterstützung bekommt.

— Wie findet man die richtige Balance zwischen der Anwesenheit der Mutter während der Konsultation und dem Bedürfnis des Mädchens, auch allein mit der Ärztin sprechen zu können?

— Die Mutter sollte in dem Maß dabei sein, in dem es für das Kind angenehm ist. Gleichzeitig ist es für Jugendliche wichtig, die Möglichkeit zu haben, ohne die Eltern mit der Ärztin zu sprechen.

Man kann der Mutter erklären, dass ein Teil der Konsultation unter vier Augen kein Zeichen von Misstrauen ihr gegenüber ist. Es ist ein normaler Bestandteil des Erwachsenwerdens und gibt dem Kind die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die es in Anwesenheit der Mutter vielleicht nicht stellen würde.

Dieser geschützte Raum hilft Jugendlichen außerdem dabei, nach und nach zu lernen, selbstständig über die eigene Gesundheit zu sprechen und Verantwortung dafür zu übernehmen.

— Haben Sie erlebt, dass sich hinter einer medizinischen Frage eigentlich psychischer Schmerz oder eine schwierige Lebenssituation verborgen hat?

— Ja. Genau deshalb ist es so wichtig, ein Symptom nicht isoliert vom Kind selbst zu betrachten.

Manchmal können Zyklusstörungen, Schmerzen oder andere Beschwerden nicht ausschließlich mit einem gynäkologischen Problem zusammenhängen. Dahinter können auch starker Stress oder schwierige Lebensumstände stehen.

Deshalb ist es während einer Konsultation wichtig, dem Kind zuzuhören, seinen emotionalen Zustand wahrzunehmen und nach Möglichkeit zu verstehen, was in seinem Leben gerade passiert.

— Woran erkennt man, dass ein Kind neben einer gynäkologischen Beratung möglicherweise auch psychologische Unterstützung benötigt?

— Wenn wir anhaltende Ängste, starke Sorgen, deutliche Verhaltensveränderungen, Schlafprobleme, Schwierigkeiten in der Schule, im sozialen Kontakt oder im Verhältnis zu sich selbst beobachten, kann das ein Anlass sein, über eine psychologische Beratung nachzudenken.

Dabei ist es sehr wichtig, einem Kind nicht zu vermitteln: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Im Gegenteil: Man sollte erklären, dass psychologische Unterstützung genauso selbstverständlich sein kann wie die Hilfe jeder anderen medizinischen oder therapeutischen Fachperson.

Eine Psychologin oder ein Psychologe kann einem Kind helfen, die eigenen Gefühle besser zu verstehen, mit Ängsten umzugehen und eine schwierige Lebensphase mit Unterstützung zu bewältigen.

— Mit welchen Worten kann eine Ärztin ein Mädchen unterstützen, damit es keine Angst mehr vor dem Erwachsenwerden hat?

— Man sollte sagen: „Mit dir ist alles in Ordnung. Dein Körper verändert sich, weil du erwachsen wirst. Du darfst zu jeder Veränderung, die dich beschäftigt, Fragen stellen, und du musst dich dafür nicht schämen.“

Gerade solche einfachen Worte brauchen Kinder sehr.

Manchmal können wenige ruhige Sätze eines Erwachsenen eine enorme Angst nehmen, die ein Kind vielleicht schon seit Monaten mit sich herumträgt.

— Haben sich Jugendliche heute im Vergleich zu jenen verändert, die vor zehn Jahren zu Ihnen kamen?

— Auf jeden Fall. Jugendliche beziehen heute wesentlich mehr Informationen selbstständig.

Das hat allerdings auch eine andere Seite: Es gibt sehr viel mehr Informationen, aber diese sind nicht immer hochwertig oder korrekt. Deshalb besteht die Aufgabe einer Ärztin heute häufig nicht nur darin, zu behandeln, sondern auch dabei zu helfen, medizinische Fakten von Mythen zu unterscheiden.

— Wie stark beeinflussen soziale Medien die Vorstellungen von Mädchen über Frauengesundheit und den eigenen Körper?

— Sehr stark. Soziale Medien prägen bestimmte Vorstellungen davon, wie ein Körper, die Haut, die Geschlechtsorgane oder auch die Menstruation angeblich aussehen sollten.

Ich erinnere deshalb immer daran: Im Internet sehen wir Content – keine Statistik.

Der normale menschliche Körper weist eine enorme Vielfalt auf. Jugendliche sehen in sozialen Medien jedoch häufig nur ein bestimmtes Bild und beginnen, sich genau mit diesem zu vergleichen.

Das kann das Gefühl erzeugen, dass mit dem eigenen Körper etwas nicht stimmt, obwohl es sich in Wirklichkeit um ganz natürliche Unterschiede handelt.

— Müssen Sie häufig Informationen richtigstellen, die Jugendliche im Internet gefunden haben?

— Natürlich. Es reicht aber nicht, einfach zu sagen: „Das stimmt nicht.“ Wichtig ist zu erklären, woher diese Information kommt und was die evidenzbasierte Medizin dazu sagt.

Ich möchte, dass ein Kind nicht lediglich die richtige Antwort auswendig lernt, sondern lernt, Informationen kritisch zu hinterfragen und zu erkennen, welchen Quellen es vertrauen kann.

— In welchem Alter sollte ein Mädchen zum ersten Mal eine Gynäkologin aufsuchen, wenn es keinerlei Beschwerden hat?

— Es gibt keine Regel, nach der jedes Mädchen ohne Beschwerden ab einem bestimmten Alter zwingend gynäkologisch untersucht werden muss.

Ein präventiver Besuch im Jugendalter kann aber sehr sinnvoll sein – gerade um eine Ärztin kennenzulernen und Themen wie Menstruationszyklus, HPV-Impfung, Hygiene und Pubertät zu besprechen.

Bei Beschwerden sollte man sich selbstverständlich unabhängig vom Alter an eine Ärztin oder einen Arzt wenden.

Mir gefällt grundsätzlich die Idee, den ersten Besuch als Kennenlernen zu verstehen. Das Mädchen kommt, spricht mit der Ärztin, stellt Fragen, erfährt, wie alles abläuft, und sammelt dadurch eine Erfahrung, die ihm später helfen kann, gynäkologische Besuche entspannter wahrzunehmen.

— Welche Symptome sind Warnsignale dafür, dass ein Arztbesuch nicht aufgeschoben werden sollte?

— Starke oder wiederkehrende Schmerzen, sehr starke oder lang anhaltende Menstruationsblutungen, das Ausbleiben der Menstruation in einem Alter, in dem sie bereits eingesetzt haben sollte, Blutungen außerhalb der Menstruation, ungewöhnlicher Ausfluss mit Geruch, Juckreiz, Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen.

Ich würde aber noch etwas ergänzen: Wenn ein Mädchen etwas beunruhigt, ist allein das bereits ein ausreichender Grund, mit einer Ärztin darüber zu sprechen.

Selbst wenn sich herausstellt, dass alles in Ordnung ist, erhält das Kind etwas sehr Wichtiges: Sicherheit und ein besseres Verständnis dafür, was in seinem Körper geschieht.

— Welche Gewohnheiten, die bereits im Jugendalter entstehen, können dazu beitragen, die Frauengesundheit langfristig zu erhalten?

— Die Fähigkeit, auf den eigenen Körper zu hören, einen normalen Umgang mit der Menstruation zu entwickeln, auf Selbstmedikation zu verzichten, grundlegende Intimhygiene einzuhalten, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sich gegen HPV impfen zu lassen und ein gesundes Verhältnis zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit aufzubauen.

Für mich ist besonders wichtig, dass ein Mädchen schon im Jugendalter lernt, die Signale seines Körpers zu verstehen und aufmerksam mit ihnen umzugehen.

Das ist eine Fähigkeit, die sie ihr ganzes Leben begleiten wird.

— Erinnern Sie sich an eine Patientin, deren Geschichte Sie als Ärztin besonders berührt hat?

— Ich glaube, jede Ärztin und jeder Arzt kennt solche Geschichten. Ich erzähle Patientengeschichten jedoch grundsätzlich nie so, dass eine Person daraus identifiziert werden könnte.

Am meisten berühren mich Situationen, in denen ein Mädchen zunächst völlig verängstigt zu mir kommt und am Ende der Konsultation sagt: „Ich dachte, es würde viel schlimmer werden.“

Genau für solche Momente machen wir unsere Arbeit.

— Was bedeutet es für Sie, wenn ein Mädchen, das verängstigt in Ihre Praxis gekommen ist, diese am Ende mit einem ruhigen Lächeln verlässt?

— Das ist einer der schönsten Momente in der Arbeit einer Ärztin.

Denn dann weiß ich, dass sie an diesem Tag nicht nur medizinische Hilfe bekommen hat. Sie hat eine Erfahrung gemacht, die ihre Einstellung zu Ärztinnen und Ärzten und zur eigenen Gesundheit über viele Jahre hinweg beeinflussen kann.

Vielleicht kommt sie beim nächsten Mal schon entspannter. Vielleicht spricht sie schneller darüber, was sie beschäftigt. Vielleicht weiß sie dann, dass man offen über die eigene Gesundheit sprechen darf.

Für mich ist das sehr wertvoll.

— Welche Worte des Dankes von Patientinnen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

— Wahrscheinlich sind es weniger bestimmte Worte als vielmehr Momente, in denen eine Patientin sagt: „Danke, dass Sie mir keine Angst gemacht haben“ oder „Danke, dass ich endlich verstanden habe, dass mit mir alles in Ordnung ist.“

Für eine Ärztin ist das sehr wertvoll.

Denn hinter solchen Worten steckt häufig eine enorme Erleichterung.

— Wenn Sie sich an jedes Mädchen wenden könnten, das gerade die Phase des Erwachsenwerdens durchlebt – was würden Sie ihm sagen?

— Vergleiche dich nicht mit anderen.

Dein Körper muss nicht aussehen wie der Körper eines Mädchens auf Instagram. Er entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, und vieles von dem, was dir vielleicht „unnormal“ erscheint, ist in Wirklichkeit eine vollkommen normale Variante.

Und vor allem: Hab keine Angst zu fragen. Es gibt keine Frage, für die du dich schämen musst.

Wenn dich etwas beschäftigt – frag. Wenn dir etwas unklar erscheint – frag. Wenn du einfach wissen möchtest, ob mit dir alles in Ordnung ist – frag auch dann.

— Was möchten Sie jeder Mutter sagen, die für ihre Tochter eine Freundin und eine verlässliche Unterstützung sein möchte?

— Man muss keine perfekte Mutter sein. Das Wichtigste ist, der Mensch zu sein, zu dem die Tochter auch dann kommen kann, wenn sie einen Fehler gemacht hat oder Angst vor der Reaktion ihrer Mutter hat.

Manchmal lautet das Beste, was eine Mutter sagen kann: „Ich muss nicht alles wissen, aber wir können die Antwort gemeinsam herausfinden.“

Für ein Kind ist es ein sehr starkes Gefühl zu wissen, dass seine Mutter auch in einer schwierigen Situation an seiner Seite bleibt.

— Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Merkmal einer guten Kinder- und Jugendgynäkologin: Professionalität, Empathie oder Vertrauen?

— Ich würde diese Begriffe nicht voneinander trennen.

Professionalität ohne Empathie kann Angst machen. Empathie ohne Professionalität reicht nicht aus. Und Vertrauen entsteht dann, wenn beides zusammenkommt.

Für mich ist eine gute Ärztin eine Ärztin, nach deren Besuch ein Kind keine Angst vor dem nächsten Termin bei der Gynäkologin hat.

Und wahrscheinlich liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben der Kinder- und Jugendgynäkologie. Wir behandeln nicht nur eine konkrete Beschwerde oder Erkrankung. Wir helfen einem Mädchen dabei, ein Verhältnis zu seinem eigenen Körper, zu seiner Gesundheit und auch zu der Möglichkeit zu entwickeln, um Hilfe zu bitten.

Das Erwachsenwerden kann eine sehr verletzliche Phase sein. Ein Kind lernt, die Veränderungen seines Körpers anzunehmen, vergleicht sich mit anderen, sucht Antworten im Internet, macht sich Sorgen über Dinge, die ihm ungewöhnlich erscheinen, und möchte häufig einfach nur hören: „Mit dir ist alles in Ordnung.“

Deshalb sind Vertrauen, Empathie und Professionalität so wichtig. Sie können dazu beitragen, dass die erste Erfahrung mit einer Gynäkologin ein Gefühl von Sicherheit hinterlässt – und nicht von Angst.

Denn ein Gespräch mit einer Ärztin heute kann beeinflussen, wie eine Frau in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren mit ihrer Gesundheit umgehen wird.

Und vielleicht ist das Wertvollste, was ein Mädchen nach einem solchen Termin mitnehmen kann, nicht nur die Antwort auf eine konkrete Frage. Es ist die Gewissheit, dass ihr Körper Fürsorge verdient, dass ihre Gefühle und Sorgen ernst genommen werden und dass es selbstverständlich ist, sich Hilfe zu holen.

Denn ein gesundes Verhältnis zu sich selbst beginnt mit einer einfachen Erfahrung: Jemand hört dir zu, glaubt dir, nimmt dich an – und ein Erwachsener an deiner Seite sagt ruhig:

„Lass uns das gemeinsam herausfinden.“

By Vitalii Zavzenko

Vitalii Zavzenko ist Fotograf, Journalist und Digital-Marketer. Er arbeitet an der Schnittstelle von modernen Medien, visuellem Storytelling und digitaler Kommunikation. Dabei verbindet er eine redaktionelle Ästhetik mit einem strategischen Ansatz für Content, Branding und die Entwicklung von Medienprojekten.

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert