Veronika Chekaliuk, Vertreterin der Kleinen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und Leiterin der Sektion „Interkulturelle Kommunikation, Etikette und Protokoll“ der Abteilung „Kyjiw – Hauptstadt“ unter der Leitung von Natalia Holowanowa, nahm an einer internationalen Konferenz in Österreich teil, die sich mit Kriegskindheit, Erinnerungskultur und humanitärem Dialog beschäftigte. Auf Einladung der Organisatoren der internationalen Konferenz und der Thementage „Kinder des Krieges – Aufwachsen zwischen 1938 und 1945“ hatte ich die Möglichkeit, das Museum Niederösterreich sowie die ehemalige Synagoge St. Pölten zu besuchen, wo wissenschaftliche Diskussionen, Podiumsgespräche und Ausstellungen zum Thema Kindheit im Krieg stattfanden.
Bereits in den ersten Minuten wurde deutlich: Diese Konferenz war weit mehr als eine akademische Veranstaltung. Sie war ein Raum lebendiger Erinnerung, des Dialogs zwischen Generationen und einer tiefen humanitären Reflexion darüber, wie Krieg die Kindheit verändert und das Schicksal eines Menschen über Jahrzehnte prägt.
Das Programm der Thementage basierte auf dem Ausstellungsprojekt „Kinder des Krieges“ und vereinte Vorträge von Historikern, Museumskuratoren, Forschern der kollektiven Erinnerung, Psychologen sowie Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt hatten. Gerade diese persönlichen Geschichten bildeten das emotionale Zentrum der Konferenz.
Während der Panels „Kriegsende und Neuanfang“, „Gewalt und Verfolgung“, „Besatzungskinder“ sowie Diskussionen über Nachkriegstraumata sprachen die Teilnehmer nicht nur über Geschichte, sondern auch über die psychologischen Folgen des Krieges für Kinder, über den Verlust von Sicherheit, das Schweigen traumatisierter Generationen und die Verantwortung der Gesellschaft gegenüber Kindern, die Krieg erleben.
Besonders beeindruckend war die Atmosphäre tiefer Menschlichkeit. In den Konferenzsälen ging es nicht nur um Fakten und Dokumente, sondern um Erinnerung, Schmerz, Angst, Heimatverlust, Kindheitserinnerungen an Hunger, Evakuierung, Trennung von Eltern und das Leben in ständiger Erwartung von Gefahr.
Ein eigener Schwerpunkt lag auf der Rolle von Museen und kulturellen Institutionen in der Erinnerungsarbeit zum Krieg. Während der Fachdiskussion „Krieg ausstellen – Erfahrungen aus der Praxis“ analysierten Kuratoren und Wissenschaftler moderne Ansätze zur Darstellung traumatischer Themen im Museumsraum, die ethische Arbeit mit Kindheitserinnerungen sowie die Verantwortung humanitärer Institutionen für die Gestaltung gesellschaftlicher Dialoge. Bereits am Vortag fand ein Workshop statt, bei dem Teilnehmer Erinnerungsarmbänder gestalten konnten.
Für mich als Leiterin der Bildungssektion „Interkulturelle Kommunikation, Etikette und Protokoll“ der Kleinen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (Kyjiw) war besonders die analytische Dimension dieser Konferenz wertvoll. In diesem Jahr nahm ich als Beobachterin und Forscherin internationaler humanitärer Formate teil. Ziel war es, die Struktur akademischer Diskussionen, Mechanismen interkultureller Kommunikation, die Organisation von Panel-Formaten sowie die Art und Weise zu analysieren, wie europäische Institutionen mit Themen wie Krieg, Kindheitserinnerung und kollektiven Traumata arbeiten.
Diese Erfahrung ist für die weitere Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit der Kleinen Akademie der Wissenschaften der Ukraine von großer Bedeutung. Denn heute muss sich die ukrainische wissenschaftliche und pädagogische Gemeinschaft nicht nur in den europäischen akademischen Raum integrieren, sondern auch ihre eigenen humanitären Erfahrungen international sichtbar machen.
Gerade für die Ukraine erhält dieses Thema besondere Relevanz. Ukrainische Kinder leben in einer Realität, in der Sirenen, Schutzräume, Notfallrucksäcke, Nachrichten über Raketenangriffe und erzwungene Fluchtbewegungen Teil des Alltags geworden sind. In der Ukraine wächst bereits eine Generation von Kindern heran, die während des großflächigen Krieges geboren wurden – Kinder, die kaum Erfahrungen mit einer friedlichen und unbeschwerten Kindheit haben.
Deshalb ist das Thema Kindheit im Krieg heute längst nicht mehr nur eine historische Frage. Es ist eine akute Herausforderung für Europa und die internationale humanitäre Gemeinschaft.
Die Teilnahme der Kleinen Akademie der Wissenschaften der Ukraine an solchen internationalen Veranstaltungen erfüllt eine besondere Mission. Heute ist die Akademie ein Raum intellektueller Unterstützung, humanitärer Stabilität und sozialer Anpassung für Kinder und Jugendliche unter den extrem schwierigen Bedingungen des Krieges.
Ukrainische Pädagogen und Wissenschaftler arbeiten derzeit mit einer Generation von Kindern, deren psychologische Erfahrungen unmittelbar von der Kriegsrealität geprägt werden. Gerade deshalb kann die ukrainische Seite nicht nur über historische Kriegserinnerungen sprechen, sondern über die reale Erfahrung von Kindern, die den Krieg jetzt erleben.
Im Rahmen der professionellen Gespräche während der Konferenz wurden auch Perspektiven weiterer internationaler Zusammenarbeit diskutiert. Dabei wurde Interesse an einer möglichen Teilnahme einer Delegation der Kleinen Akademie der Wissenschaften der Ukraine an zukünftigen Konferenzen geäußert – bereits mit Präsentationen ukrainischer Forschungsprojekte und humanitärer Initiativen.
Zudem entstand die Idee einer internationalen Konferenz oder eines thematischen Panels, das speziell ukrainischen Kindern gewidmet sein könnte, die heute Krieg erleben. Eine solche Plattform könnte ukrainische und europäische Wissenschaftler, Psychologen, Pädagogen, Museumskuratoren und Vertreter kultureller Institutionen zusammenbringen, um offen über die Herausforderungen der heutigen ukrainischen Kindergeneration zu sprechen.
Im Kontext meiner persönlichen Teilnahme an der Konferenz wurde mir besonders die humanitäre Mission von Bildung und Kultur in Kriegszeiten bewusst. Genau hier entstand die zentrale Frage, die sowohl in Diskussionen als auch in persönlichen Reflexionen immer wieder auftauchte: Was hilft unseren Kindern, ihre psychische und mentale Gesundheit während des Krieges zu bewahren?
Die Antwort darauf liegt nicht allein im Bereich von Politik oder Sicherheit, sondern ebenso in Kultur, Literatur und täglicher humanitärer Arbeit mit dem kindlichen Bewusstsein.
Es ist notwendig, Kindern eine Vorstellung vom Leben zu vermitteln, die größer ist als der Krieg. Viele Kinder in der Ukraine wurden bereits unter Kriegsbedingungen geboren und kennen keinen friedlichen, sorgenfreien Alltag. Für sie erscheint Krieg oft als die einzig mögliche Realität.
Gerade deshalb ist es so wichtig, Räume zu schaffen, in denen Kinder eine Alternative erleben können – eine Welt, in der Freude, Liebe, Sicherheit, Wärme und Vertrauen existieren. Eines dieser Instrumente ist Kinderliteratur, die die Komplexität des Lebens nicht leugnet, Kindern aber gleichzeitig Licht, Hoffnung und innere Stärke vermittelt.
Kinderbücher erfüllen eine besondere Mission: Sie helfen Kindern zu verstehen, dass Schwierigkeiten überwunden werden können und dass das Leben nicht nur aus Verlust und Angst besteht. Durch Geschichten, Bilder und Emotionen lernen Kinder, dass die Welt auch gut sein kann und die Zukunft offen bleibt.
Genau diesen Ansatz versuche ich in meiner Arbeit mit literarischen und pädagogischen Projekten umzusetzen. Ich bin überzeugt, dass ein Kinderbuch ein Raum von Unterstützung, innerem Licht und psychologischer Stabilität sein muss. Das ist ein wichtiger Teil meiner beruflichen und persönlichen Mission.
Solche internationalen humanitären Foren sind von außerordentlicher Bedeutung. Sie schaffen Raum für akademischen Dialog, interkulturelles Verständnis und die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Verantwortung für die Zukunft von Kindern, deren Kindheit vom Krieg geprägt ist.
„Für mich wurde diese Konferenz nicht nur zu einer professionellen Erfahrung, sondern auch zu einer tief menschlichen Erinnerung daran, wie wichtig es heute ist, über Kindheit, Erinnerung und Menschlichkeit zu sprechen – in der Sprache der Wissenschaft, der Kultur und des internationalen Dialogs“, betont Veronika Chekaliuk.
