Am Vorabend des ukrainischen Unabhängigkeitstages wurde Wien für eine Gruppe junger Ukrainerinnen und Ukrainer zu mehr als nur einer europäischen Hauptstadt. Zwischen historischen Fassaden, Universitätsgebäuden, Gärten und Orten, an denen sich österreichische und ukrainische Geschichte seit Jahrhunderten berühren, entstand ein Raum für Entdeckung, Erinnerung und kulturellen Dialog.
Unter dem Titel „Die Ukraine im Herzen Wiens: von der Vergangenheit bis heute“ entwickelte und gestaltete die Forscherin, Wissenschaftlerin und Autorin Veronika Chekaliuk ein kostenloses Bildungs- und Kulturprogramm für ukrainische Kinder.
Das Programm fand ehrenamtlich und kostenfrei im Rahmen der Veranstaltungen zum ukrainischen Unabhängigkeitstag in Wien statt. Veronika Chekaliuk nahm auf Einladung der Organisatoren des Ukrainischen Medien- und Integrationszentrums UMIZ Europa daran teil und engagierte sich als freiwillige Mitwirkende des Festprogramms.
Die Idee war bewusst einfach: Wien durch die ukrainische Geschichte betrachten – spannend, interaktiv und ohne trockene Vorträge.
Die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer waren nach Wien gekommen, um ihre Kultur bei den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag auf einer großen Bühne zu präsentieren. Bevor sie selbst Teil des kulturellen Lebens der Stadt wurden, begaben sie sich jedoch auf die Spuren jener Ukrainerinnen und Ukrainer, die lange vor ihnen in Wien gelebt, studiert, gearbeitet und gewirkt hatten.
Wien aus ukrainischer Perspektive
Das von Veronika Chekaliuk entwickelte Konzept verband historische Recherche mit unmittelbarer Erfahrung. Geschichte sollte nicht als Abfolge von Jahreszahlen und Namen erscheinen, sondern dort sichtbar werden, wo sie tatsächlich stattgefunden hat: auf Straßen und Plätzen, in Universitäten, Palästen und kulturellen Institutionen.
Der thematische Weg durch das historische Zentrum Wiens führte unter anderem über den Sigmund-Freud-Park, die Universität Wien, den Rosengarten, Orte des musikalischen Wien und das Palais Kinsky.
Jede Station öffnete ein neues Kapitel.
Die Kinder sprachen über historische Persönlichkeiten, Orte und Ereignisse, die die Ukraine und Wien miteinander verbinden. Sie erfuhren von Menschen, die in der österreichischen Hauptstadt studierten, arbeiteten, forschten oder kulturell tätig waren, und entdeckten dabei auch weniger bekannte Seiten der gemeinsamen Geschichte.
Gerade diese Perspektive war ein zentraler Bestandteil des Programms: Wien nicht nur als imperiale Hauptstadt oder touristische Kulisse zu betrachten, sondern als einen europäischen Ort, an dem auch ukrainische Biografien, Ideen und kulturelle Entwicklungen ihre Spuren hinterlassen haben.
Eine Geschichte, die weiter zurückreicht
Dabei wurde deutlich, dass die ukrainische Präsenz in Wien keineswegs erst mit den politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre begonnen hat.
Die Beziehungen zwischen dem ukrainischen und dem österreichischen Kulturraum reichen weit zurück. Auch historische Verbindungen aus der Zeit von Kaiser Franz Joseph I. wurden thematisiert – ebenso wie die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Prozesse, die Menschen aus beiden Ländern miteinander verbanden.
Geschichte erschien dabei nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als ein Geflecht aus persönlichen Lebenswegen, intellektuellem Austausch, Diplomatie und kultureller gegenseitiger Beeinflussung.
Neben politischen und historischen Themen ging es auch um kulinarische Traditionen, gesellschaftliche Gepflogenheiten und diplomatische Kultur. So entstand ein vielschichtiges Bild Österreichs und seiner Beziehungen zur Ukraine.
Die Universität als Teil gemeinsamer europäischer Geschichte
Ein besonderer Schwerpunkt galt der Bildung in Österreich und der Geschichte der Universität Wien, einer der ältesten Universitäten Europas.
Für die Kinder wurde die Universität damit nicht nur zu einem beeindruckenden historischen Gebäude. Sie wurde zu einem Ort, an dem europäische Wissenschafts- und Bildungsgeschichte mit ukrainischen Biografien zusammentrifft.
Veronika Chekaliuk stellte Persönlichkeiten vor, die mit dem akademischen und kulturellen Umfeld Wiens verbunden waren, und zeigte, wie ukrainische Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler und öffentliche Persönlichkeiten über Generationen hinweg Teil des europäischen Kulturraums waren.
Das Programm machte damit etwas sichtbar, das im klassischen Stadtbild leicht übersehen werden kann: Die Geschichte Wiens ist auch eine Geschichte internationaler Begegnungen – und die Ukraine gehört zu ihr.
Keine trockene Geschichtsstunde
Das Bildungs- und Kulturprogramm war bewusst interaktiv konzipiert.
Statt eines klassischen Vortrags standen Fragen, Gespräche, Beobachtungen und die unmittelbare Auseinandersetzung mit den jeweiligen Orten im Mittelpunkt. Die Kinder sollten nicht nur Informationen erhalten, sondern Zusammenhänge selbst entdecken und historische Räume mit eigenen Erfahrungen verbinden.
Damit erhielt auch das Motto „Die Ukraine im Herzen Wiens: von der Vergangenheit bis heute“ eine konkrete Bedeutung.
Vergangenheit wurde mit Gegenwart verbunden: mit jungen Menschen, die heute in Wien ihre eigene Kultur präsentieren und gleichzeitig erfahren, dass Ukrainerinnen und Ukrainer schon lange Teil der kulturellen und intellektuellen Geschichte dieser Stadt sind.
Wenn Geschichte persönlich wird
Das kostenlose Bildungs- und Kulturprogramm gab den Kindern die Möglichkeit, Wien nicht nur als schöne europäische Hauptstadt wahrzunehmen, sondern als einen lebendigen Raum gemeinsamer Geschichte, des Dialogs und des gegenseitigen Respekts.
Gerade am Vorabend des ukrainischen Unabhängigkeitstages bekam diese Perspektive eine besondere Symbolik.
Wenn ukrainische Kinder heute in Wien auf einer Bühne stehen und ihre Kultur präsentieren und wenige Stunden zuvor jene Orte kennenlernen, an denen sich ukrainische und österreichische Lebensgeschichten bereits vor Generationen begegneten, verändert sich die Wahrnehmung von Geschichte.
Die Stadt ist dann nicht mehr nur Kulisse. Historische Namen sind nicht mehr nur Einträge in Büchern. Und Europa erscheint nicht als abstrakte politische Idee, sondern als Raum, in dem Kulturen seit Jahrhunderten miteinander in Beziehung stehen.
Dass das Programm ehrenamtlich und für die Kinder kostenlos durchgeführt wurde, war dabei Teil seines Grundgedankens: Wissen, kulturelle Orientierung und das Bewusstsein für die eigene Geschichte sollten zugänglich sein.
Veronika Chekaliuk beteiligte sich auf Einladung der Organisatoren der Feierlichkeiten zum ukrainischen Unabhängigkeitstag in Wien als Wissenschaftlerin, Autorin und freiwillig Engagierte an diesem Bildungs- und Kulturangebot.
Der ukrainische Unabhängigkeitstag erzählt schließlich nicht nur von staatlicher Unabhängigkeit. Er erzählt auch von kultureller Kontinuität, Erinnerung und von einer Generation, die ihre Herkunft kennt und zugleich ihren eigenen Platz im heutigen Europa gestaltet.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Wirkung solcher Programme: Geschichte wird nicht nur erzählt. Sie wird entdeckt, erlebt – und schließlich Teil der eigenen Geschichte.
Ukrainischen Medien- und Integrationszentrums UMIZ Europa
