Das Wiener Hofburg Orchester präsentierte im Mozartsaal einen Konzertabend mit Mozart, Strauss, Lehár, Kálmán und einer besonderen Hommage an Fritz Kreisler. Deutschland Heute sprach vor der Aufführung mit Geschäftsführerin Maria Pichl und nach dem Konzert mit Dirigent und Soloviolinist Daniel Auner.
Wien wird weltweit mit klassischer Musik verbunden. Doch hinter diesem vertrauten Bild stehen nicht nur berühmte Namen, festliche Konzertsäle und elegante Walzer. Die Wiener Musiktradition ist auch das Ergebnis gesellschaftlicher Veränderungen, politischer Brüche, internationaler Einflüsse und persönlicher Schicksale.
Die Konzertreihe Caprice Viennois des Wiener Hofburg Orchesters führt diese unterschiedlichen Ebenen in einem Abend zusammen. Am 15. Juli 2026 besuchte die Redaktion von Deutschland Heute die Aufführung im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses.
Unter der Leitung des Violinisten und Dirigenten Daniel Auner präsentierte das Wiener Hofburg Orchester Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Johann und Josef Strauss, Franz Lehár, Emmerich Kálmán und Fritz Kreisler. Internationale Solistinnen und Solisten sowie Tänzerinnen und Tänzer ergänzten das Orchester und machten aus dem Konzert eine Verbindung von Musik, Operette, Tanz und Wiener Bühnenkultur.
Im Mittelpunkt stand eine besondere Hommage an Fritz Kreisler. Daniel Auner trat dabei nicht nur als Dirigent, sondern auch als Soloviolinist auf. Er spielte auf einem Instrument von Giovanni Battista Guadagnini aus der Sammlung wertvoller Streichinstrumente der Österreichischen Nationalbank.
Vor dem Konzert sprach Deutschland Heute mit Maria Pichl, Geschäftsführerin des Wiener Hofburg Orchesters. Nach der Aufführung fand ein ausführliches Gespräch mit Daniel Auner statt.
Hinweis der Redaktion: Die Interviews wurden aus dem gesprochenen Wort transkribiert. Der mündliche Sprachcharakter, Satzbau und Wiederholungen wurden beibehalten. Offensichtliche Übertragungsfehler bei Eigennamen, Werktiteln und Fachbegriffen wurden nach Prüfung der Audioaufnahmen korrigiert.
Der erste Eindruck der Redaktion
Bereits die räumliche Wirkung des Mozartsaals bestimmte den Charakter des Abends. Der zweitgrößte Saal des Wiener Konzerthauses besitzt 704 Sitzplätze, wirkt jedoch nicht monumental oder distanziert. Die Anordnung von Parterre und Balkon schafft eine Nähe zur Bühne, durch die nicht nur die großen musikalischen Linien, sondern auch die Kommunikation zwischen Dirigent, Solisten und Orchester sichtbar wird. Aus Sicht der Redaktion lag die besondere Qualität der Aufführung in der Verbindung mehrerer Ebenen. Einerseits war Caprice Viennois ein repräsentativer Wiener Konzertabend mit bekannten Melodien, festlicher Atmosphäre, virtuosen Soli, Operettenelementen und tänzerischer Leichtigkeit. Andererseits wurde die Musik nicht auf ein dekoratives Wien-Bild reduziert. Besonders Daniel Auners Interpretation von Fritz Kreisler verlieh dem Abend eine persönlichere und ernstere Dimension. Die Musik bewegte sich zwischen Eleganz und Melancholie, zwischen öffentlicher Festlichkeit und privater Erinnerung.
Die Doppelrolle Auners war dabei nicht nur eine äußerlich beeindruckende Besonderheit. Der Wechsel zwischen Dirigieren und solistischem Violinspiel veränderte auch die Wahrnehmung des Orchesters. In den dirigierten Teilen stand die Gesamtarchitektur der Musik im Vordergrund. In den solistischen Momenten konzentrierte sich die Aufmerksamkeit dagegen vollständig auf den persönlichen Ton der Violine. Gerade diese Kontraste verliehen dem Abend seine unverwechselbare Atmosphäre.
Was Caprice Viennois von anderen Programmen unterscheidet
Im Gespräch vor dem Konzert erklärte Maria Pichl, wodurch sich Caprice Viennois von den anderen Programmen des Wiener Hofburg Orchesters unterscheidet.
Deutschland Heute: „Wodurch unterscheidet sich dieses Konzert von den anderen Programmen des Wiener Hofburg Orchesters?“
Maria Pichl: „Ich würde sagen, wir haben bei den normalen Programmen von Wiener Hofburg Orchester haben wir einfach den kompletten Fokus nur auf Johann Strauss, Mozart, Lehár und Kálmán. Und das ist eigentlich das größte Unterscheidungsmerkmal, dass wir hier einfach bei Caprice Viennois haben wir Fritz Kreisler mit dabei und ansonsten ist wirklich der Fokus eigentlich auf Johann Strauss auf den bekannten schönen Melodien.“
Deutschland Heute: „Also bei Ihnen liegt der Fokus auf Johann Strauss.“
Maria Pichl: „Genau.“
Diese Erweiterung um Fritz Kreisler verändert die Dramaturgie des Abends wesentlich. Das Programm bleibt in der Welt der Wiener Klassik und Operette verwurzelt, erhält aber durch den ausgeprägten Violin-Schwerpunkt eine eigenständige künstlerische Identität. Daniel Auner bestätigte nach dem Konzert, dass gerade die zusätzliche Rolle der Solovioline das entscheidende Unterscheidungsmerkmal darstellt.
Deutschland Heute:
„Wodurch unterscheidet sich dieses Konzert von den anderen Programmen des Wiener Hofburg Orchesters?“
Daniel Auner: „Das ist das einzige Programm, wo eben eine Solovioline zusätzlich auch noch Stücke spielt. Bei den anderen Konzerten des Hofburg Orchesters ist es das klassische Orchester, symphonische Orchester mit Dirigenten, wo keine Soloviolinstücke gespielt werden. Und wenn Soli zum Beispiel in berühmten Geschichten aus dem Wiener Wald Walzer gespielt werden, dann werden sie vom Konzertmeister gespielt und eben nicht vom Dirigenten, weil es ist etwas Besonderes, es ist etwas Außergewöhnliches.“
Damit wird deutlich: Caprice Viennois ist nicht einfach eine weitere Auswahl populärer Wiener Melodien. Die Konzertreihe besitzt durch die solistische Präsenz Auners und die Hommage an Kreisler eine zusätzliche persönliche und historische Ebene.
Der Mozartsaal und die Idee eines offenen Konzerthauses
Der Mozartsaal genießt wegen seiner Akustik einen internationalen Ruf. Regelmäßig finden dort Tonaufnahmen statt, und der Saal ist bei führenden Orchestern und Solisten beliebt. Für Caprice Viennois bietet er einen repräsentativen, gleichzeitig aber intimen Rahmen. Maria Pichl betonte im Interview jedoch, dass das Programm grundsätzlich auch unabhängig vom konkreten Aufführungsort funktioniere.
Deutschland Heute: „Welche Bedeutung hat es für Sie, dieses Konzert im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses aufzuführen? Beeinflussen der Saal und seine Akustik die Konzeption des Abends?“
Maria Pichl: „Also die Akustik ist natürlich fabelhaft und der Saal selbst ist wunderbar. Ich würde aber sagen, dass es an und für sich unabhängig vom Saal funktioniert, das Programm.“
Für Pichl liegt die besondere Verbindung zwischen dem Wiener Konzerthaus und dem Wiener Hofburg Orchester auch in der ursprünglichen gesellschaftlichen Idee des Hauses.
Maria Pichl: „Was natürlich schön ist, ist generell die Bedeutung vom Konzerthaus, weil es eigentlich ursprünglich geplant war als ein Haus der Musikfeste, wenn ich es richtig im Kopf habe, dass auch Musik einem breiteren Publikum zugänglich machen sollte.“
Sie stellte dabei einen Vergleich mit dem Wiener Musikverein her:
Maria Pichl: „Also ich sage mal, der Wiener Musikverein war ja so ein bisschen für die gehobene Gesellschaft und das Wiener Konzerthaus oder in den Ursprüngen war es eben gedacht als Stätte für jedermann.“
Diese Offenheit entspricht nach ihrer Einschätzung auch dem Ansatz des Orchesters:
Maria Pichl: „Und das ist auch so ein bisschen unser Ansatz. Wir wollen auch Musik für jedermann und jede Frau anbieten und deswegen glaube ich, passt da die Kombination sehr gut. Außerdem ist der Saal einfach traumhaft schön.“
Die Redaktion konnte diesen Ansatz im Publikum unmittelbar beobachten. Der Konzertabend vermittelte nicht den Eindruck einer geschlossenen Veranstaltung ausschließlich für ein spezialisiertes Fachpublikum. Vielmehr kamen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und vermutlich sehr verschiedenen musikalischen Vorkenntnissen zusammen. Gerade darin liegt eine der Stärken des Formats: Die Musik ist anspruchsvoll, aber ihre emotionale Wirkung bleibt unmittelbar zugänglich.
Ein internationales Publikum und ein Konzert für Wien-Besucher
Caprice Viennois richtet sich insbesondere an ein internationales Publikum. Für viele Besucherinnen und Besucher gehört ein klassischer Konzertabend zu den wichtigsten kulturellen Erfahrungen einer Wien-Reise.
Maria Pichl beschrieb das Publikum folgendermaßen:
Deutschland Heute: „Und jetzt haben Sie ein sehr breites Publikum.“
Maria Pichl: „Ja, wir haben ein absolut breites Publikum, wie Sie sehen. Wir haben ganz verschiedene Zielgruppen hier, hauptsächlich internationale Gäste.“
Sie erklärte, warum klassische Musik für viele Reisende ein selbstverständlicher Teil eines Wien-Aufenthalts ist:
Maria Pichl: „Es ist halt einfach, wenn man nach Wien kommt, gibt es ein paar Dinge, die man gemacht haben sollte als Wien-Besucher, und da gehört natürlich die vielfältige Kultur unserer Stadt dazu. Und zu unserer Kultur gehört eben die klassische Musik, und es ist schön, wenn man das weitergeben kann.“
Die Redaktion fragte auch, ob neben internationalen Gästen Wienerinnen und Wiener die Konzerte besuchen.
Maria Pichl: „Beim Wiener Hofburg Orchester haben wir schon auch sehr viele Wienerinnen und Wiener, die kommen. Und gerade eben auch das Programm Caprice Viennois spricht sehr viele Wienerinnen an, weil es auch einfach mal ein bisschen vielleicht etwas anderes ist.“
Aus redaktioneller Sicht liegt genau darin eine besondere Stärke des Programms. Kulturangebote, die sich ausschließlich an ein touristisches Publikum richten, reduzieren Wien häufig auf ein vertrautes, leicht konsumierbares Bild aus Walzer, Eleganz und Nostalgie.
Caprice Viennois geht deutlich darüber hinaus. Die bekannten Werke ermöglichen einen unmittelbaren und zugänglichen Einstieg, während die Hommage an Fritz Kreisler, die historische Tradition des Violindirigats und Daniel Auners persönliche Interpretation dem Abend zusätzliche Tiefe verleihen. Dadurch eröffnet das Programm nicht nur internationalen Gästen, sondern auch einem mit der Wiener Musiktradition vertrauten Publikum neue Perspektiven.
Daniel Auner und die Drei-Millionen-Euro-Violine
Ein wichtiger Anziehungspunkt des Abends ist Daniel Auner selbst. Maria Pichl hob im Interview sowohl seine musikalische Qualität als auch das außergewöhnliche Instrument hervor, auf dem er spielt.
Maria Pichl: „Und noch dazu Daniel Auner, der mit seiner Drei-Millionen-Euro-Geige hier auftritt. Das ist einfach auch etwas Schönes, die Geige mal live zu hören, ihn live zu sehen, weil er einfach ein toller Musiker, toller Künstler ist.“
Bei dem Instrument handelt es sich um eine Violine von Giovanni Battista Guadagnini aus der Sammlung wertvoller Streichinstrumente der Österreichischen Nationalbank.
Der finanzielle Wert des Instruments besitzt zweifellos eine besondere öffentliche Wirkung. Aus professioneller Sicht ist jedoch nicht der Preis allein entscheidend. Ein historisches Instrument entfaltet seine Bedeutung erst durch die Persönlichkeit, Technik und Interpretation des Musikers. Während des Konzerts wirkte die Violine deshalb nicht wie ein Prestigeobjekt, das lediglich aufgrund seines Wertes präsentiert wurde. Ihr Klang wurde zum zentralen erzählerischen Medium des Abends.
In den Kreisler-Passagen verband Auner aus Sicht der Redaktion technische Präzision mit einer sehr persönlichen musikalischen Ausdruckskraft. Der Klang wirkte zunächst leuchtend und elegant, erhielt jedoch immer wieder auch dunklere, nachdenklichere Nuancen.
Historische Authentizität ohne museale Distanz
Eine zentrale Frage jedes klassischen Konzertprogramms lautet, wie historische Werke heute interpretiert werden können, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren und ohne in einer rein musealen Aufführungspraxis zu erstarren.
Maria Pichl beschrieb diese Aufgabe als einen schwierigen Balanceakt.
Deutschland Heute: „Wie finden Sie die Balance zwischen historischer Authentizität und einer zeitgemäßen Interpretation klassischer Musik?“
Maria Pichl: „Ja, das ist super spannend und es ist ein recht schwieriger Grat, weil man natürlich immer versucht oder unser Anspruch ist es auch, die Musik so darzubieten, wiederzugeben, wie es vom Komponisten eigentlich gedacht und geplant war.“
Gleichzeitig möchte das Orchester vermeiden, dass klassische Musik als etwas Überholtes oder Lebloses wahrgenommen wird.
Maria Pichl: „Wir sind aber auch der Meinung, dass das nicht praktisch langweilig und verstaubt sein muss.“
Für Pichl hängt die Wirkung wesentlich von der Energie der Interpretation ab:
Maria Pichl: „Also viele verbinden ja mit klassischer Musik, dass es eben etwas Altbackenes ist, aber das finde ich gar nicht, weil es kommt immer darauf an, mit welcher Energie und Lebensfreude man es selber, also man es wiedergibt.“
Sie formulierte den künstlerischen Anspruch des Orchesters so: „Von dem her, wir probieren uns schon daran zu halten, was der Komponist aussagen wollte, mit aber einer entsprechenden Energie und Freude.“
Entscheidend bleibt für sie die sichtbare und hörbare Haltung der Musikerinnen und Musiker:
Maria Pichl: „Und ich glaube, das merkt man den Musikern an beim Musizieren, ob sie das mit Liebe spielen oder nicht.“
Dieser Anspruch war während der Aufführung deutlich spürbar. Gerade bei sehr bekannten Werken besteht die größte Gefahr nicht in mangelnder technischer Qualität, sondern in Routine. Bei Caprice Viennois war jedoch spürbar, dass das Programm nicht mechanisch abgespielt wurde. Die rhythmische Beweglichkeit, die sichtbare Kommunikation im Orchester und der Wechsel zwischen orchestralen, vokalen, tänzerischen und solistischen Teilen bewahrten dem Abend seine Lebendigkeit.
Die Aufführung respektierte die Tradition, ohne sie als unantastbares Denkmal zu behandeln.
Warum Mozart, Strauss und Kreisler weiterhin unmittelbar berühren
Die Werke von Mozart, Strauss und Kreisler stammen aus anderen historischen Epochen. Dennoch erreichen sie weiterhin Menschen, die weder mit der österreichischen Geschichte noch mit klassischer Musik im Detail vertraut sind.
Maria Pichl sieht den Grund in ihrer emotionalen Zugänglichkeit.
Deutschland Heute: „Warum berühren die Werke von Johann Strauss, Wolfgang Mozart und Fritz Kreisler Ihrer Meinung nach auch heute noch ein internationales Publikum?“
Maria Pichl: „Ich glaube, weil sie einfach so schön eingänglich sind. Also gerade die Musik, die einfach eine gewisse Leichtigkeit und Freude versprüht.“
Sie bezeichnete Musik als eine unmittelbare Sprache der Emotion:
Maria Pichl: „Und für mich ist Musik so etwas, also sowieso eine Sprache des Herzens, der Emotion.“
Diese Sprache benötigt keine Übersetzung:
Maria Pichl: „Und ich glaube, wenn man dafür offen ist, dann geht das einfach so wirklich direkt ins Herz.“
Nach ihrer Ansicht muss das Publikum nicht zwingend über umfangreiche musikwissenschaftliche Kenntnisse verfügen:
Maria Pichl: „Und deswegen funktioniert es auch mit einem vielfältigen Publikum, weil da muss man nicht viel Ahnung haben. Entweder man ist offen dafür und spürt, es werden so viele Glückshormone ausgeschüttet.“
Die vom Orchester ausgewählten Komponisten stehen für Pichl besonders stark für Leichtigkeit und Freude:
Maria Pichl: „Es ist eine Form von Freude. Und gerade die Musik, auf die wir uns spezialisiert haben, finde ich, gibt diese Freude auch wirklich wieder.“
Sie stellte dabei fest, dass andere Komponisten andere emotionale Bereiche in den Mittelpunkt rücken:
Maria Pichl: „Es gibt andere Komponisten, fokussieren sich auf ein anderes Emotionsspektrum, aber gerade die von uns gewählten Komponisten. Das ist eine leichte Freude, einfach wunderschön.“
Was das Publikum mit nach Hause nehmen soll
Ein Konzert ist dann nachhaltig, wenn es nicht mit dem letzten Ton endet. Deutschland Heute fragte Maria Pichl deshalb, was das Publikum nach dem Abend mitnehmen sollte.
Deutschland Heute: „Was wünschen Sie sich, dass das Publikum nach dem Konzert mit nach Hause nimmt?“
Maria Pichl: „Ja, am besten eigentlich alles: Emotionen, natürlich eine schöne Erinnerung an Wien, an das Erlebte und im besten Fall eben auch ein bisschen zusätzliches Wissen.“
Besonders wichtig ist ihr eine Wissensvermittlung, die nicht belehrend wirkt:
Maria Pichl: „Ich finde, es ist immer schön, wenn man Wissen auf eine unterschwellige Art und Weise weitergeben kann.“
Das Konzert vermittelt österreichische Kultur nicht ausschließlich durch Erklärungen, sondern durch das direkte musikalische Erlebnis:
Maria Pichl: „Das heißt, wir geben unsere Kultur, unsere Tradition weiter, aber das eigentlich in den besten Rahmen, den man sich wünschen kann, nämlich durch Musik, durch die Emotion.“
Diese emotionale Form der Vermittlung bleibt nach ihrer Auffassung besonders lange im Gedächtnis: „Und so glaube ich, bleibt es auch am längsten in Erinnerung.“
Sie verwies darauf, dass klassische Konzerte für viele Gäste zu den Höhepunkten einer Wien-Reise gehören: „Und das ist dann natürlich einfach schön, auch wenn man die Gäste fragt, was ist so Ihr Highlight des Wien Aufenthalts? Dann hört man sehr oft, es war das klassische Konzert, weil es berührt.“
Auf die Wirkung nach einem langen oder anstrengenden Tag angesprochen, sagte sie: „Es macht einfach froh, auch wenn man den ganzen Tag unterwegs war oder vielleicht einen anstrengenden Tag hatte. Man setzt sich ins Konzert, man lässt sich von der Musik berieseln und man ist danach automatisch glücklich.“
Fritz Kreisler als emotionales Zentrum des Abends
Fritz Kreisler wurde 1875 in Wien geboren und gehörte zu den bekanntesten Violinisten und Komponisten des 20. Jahrhunderts. Bereits im Alter von sieben Jahren wurde er in das Wiener Konservatorium aufgenommen. Seine Biografie führte ihn nach Paris, Rom, Berlin und später in die Vereinigten Staaten. Während des Ersten Weltkrieges diente er kurz in der österreichischen Armee und wurde verwundet. Im Jahr 1939 zog er aus Protest gegen das nationalsozialistische Regime nach New York.
Daniel Auner beschäftigt sich nach Angaben der Veranstalter seit seiner Kindheit intensiv mit Kreisler. In den Presseunterlagen zur Konzertreihe erklärt er: „Fritz Kreisler hat mich seit meiner Kindheit fasziniert. Seine Biographie habe ich verschlungen, sein Tagebuch ‚Four Weeks in the Trenches – The War Story of a Violinist‘ ist ebenso wie sein berühmter Aufsatz ‚Music and Life‘ ein überaus ehrlicher Zugang zu den Höhen und Tiefen des Lebens eines Musikers.“
Diese persönliche Beziehung wurde während des Konzerts hörbar. Die Kreisler-Hommage war kein isolierter virtuoser Programmpunkt, sondern das emotionale Zentrum des Abends.
Daniel Auner: „Sie singt wie Dein Vater hat so viele Medaillen, aber das hilft mir nicht, meinem Kind auch nicht.“
Die Mutter richtet ihre Hoffnung an den verstorbenen Mann:
Daniel Auner: „Und sie sieht hinauf in den Himmel und sie hofft, dass ihr Mann, der gestorben ist, auf sie hinunter sieht und ihnen hilft, weil sie weiß nicht, was sie sonst tun soll.“
Auner erklärte, dass das Programm 2022 vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine entwickelt wurde. Dabei sei es ihm wichtig gewesen, Krieg und Verlust aufzugreifen, ohne das Thema zu direkt oder demonstrativ zu formulieren.
Auner stellte dabei eine Verbindung zu den Erfahrungen Wiens nach dem Zweiten Weltkrieg her. Während der Aufführung konnte das Stück zunächst als melancholische und technisch anspruchsvolle Komposition wahrgenommen werden. Erst durch Auners Erklärung wurde die konkrete menschliche Geschichte dahinter vollständig sichtbar: eine Mutter, ein Kind, ein im Krieg gefallener Vater und Medaillen, die den persönlichen Verlust nicht ausgleichen können.
Gerade für Mitglieder der Redaktion mit ukrainischem Hintergrund erhielt dieser Teil des Abends eine besondere emotionale Bedeutung.
Die Stärke des Programms liegt darin, dass es diese Verbindung nicht plakativ vermittelt. Die Erinnerung an Krieg und Verlust erscheint innerhalb der Musik und nicht als äußerlich hinzugefügte politische Botschaft.
Auner erklärte selbst, dass neben den freudigen und festlichen Teilen auch ein ernstes Stück notwendig war: „Und deswegen wollte ich das unbedingt auch ein bisschen, weil es sind alle anderen. Juhu, Bravo. Toll. Und es sollte ein Stück ein bisschen seriös und ernsthaft sein.“
Gerade dieser ernste Akzent bewahrt das Programm davor, Wiener Lebensfreude auf reine Unterhaltung zu reduzieren. Die Wiener Lebensfreude wird nicht als Verdrängung des Leidens dargestellt, sondern als eine kulturelle Haltung, die Freude und Erinnerung nebeneinander bestehen lässt.
Die Tradition des Stehgeigers und Violindirigenten
Daniel Auner vereint bei Caprice Viennois die Rollen des Dirigenten und Soloviolinisten. Diese Kombination knüpft an eine historische Wiener Tradition an. Im offiziellen Material zur Konzertreihe wird erläutert, dass das Violin-Dirigat in den Tanzkapellen im Umfeld der Strauss-Dynastie entstand. Der Konzertmeister leitete das Ensemble vom ersten Pult aus und spielte gleichzeitig selbst. International bekannt wurde diese Form später unter anderem durch Willi Boskovsky, der die Wiener Philharmoniker zwischen 1955 und 1979 als Stehgeiger dirigierte.
Im Interview erklärte Auner die Tradition ausführlich.
Deutschland Heute: „Sie vereinen die Rollen des Dirigenten und Solisten. Inwiefern knüpft dies an Wiener Musiktradition an und welche besonderen Herausforderungen bringt diese Doppelrolle mit sich?“
Daniel Auner: „Es ist so, dass es gab früher tatsächlich, also nicht nur von der Zeit von Johann Strauss, sondern auch früher etwas wie einen Violindirigenten.“
Er beschrieb, wie Orchester früher ohne einen Dirigenten im heutigen Sinne geleitet wurden:
Daniel Auner: „Das heißt, die Wiener Philharmoniker, aber auch andere symphonische Orchester haben zum Beispiel Sinfonien von Beethoven. Aufgeführt, nicht mit einem Dirigenten, sondern indem der Konzertmeister vorne gestanden ist.“
Der Konzertmeister spielte selbst und übernahm zugleich die musikalische Leitung:
Daniel Auner: „Und er hat das als Violindirektion, er hat die Stimme der ersten Geigen gespielt und dazu eben die Einsätze des Orchesters gegeben.“
Auner betonte jedoch, dass seine Arbeit bei Caprice Viennois nicht vollständig mit dieser historischen Praxis identisch ist.
Daniel Auner: „Aber das ist ein bisschen was anderes, als was ich heute gemacht habe, weil ich habe die meisten Stücke ja dirigiert und nur wenn es wirklich Solovioline gegeben hat, habe ich auf der Violine gespielt.“
Besonders häufig wurde diese Form der Leitung mit Johann Strauss verbunden:
Daniel Auner: „Diese Tradition des Stehgeigers und Violindirigenten, die hat natürlich Johann Strauss ganz besonders oft gemacht. Das war quasi seine Besonderheit.“
Johann Strauss spielte nach Auners Erklärung nicht gemeinsam mit den anderen ersten Geigen, sondern übernahm allein die Melodie:
Daniel Auner: „Allerdings hat er dabei nicht die erste Violinstimme gespielt, gemeinsam mit den anderen Musikern, sondern er hat alleine gespielt die Melodie und das ganze Orchester immer nur die Begleitung.“
Er führte diesen Unterschied noch detaillierter aus:
Daniel Auner: „Das heißt, der ganze Walzer oder die ganze Polka hat nur eine Geige gehabt, die diese Melodie gespielt hat und alle anderen haben immer nur die Begleitung gespielt. Er war der Einzige, der die Melodie gespielt hat, nicht zusammen mit allen anderen ersten Geigen.“
In einem heutigen Konzertsaal mit einem größeren Orchester lässt sich dieses historische Modell nicht unverändert umsetzen: „Und das ist heute in diesem Rahmen in einem Konzertsaal sehr schwer umzusetzen, weil ich habe hier sieben erste Geigen und ich kann sie nicht alle die Erste-Geige-Stimme spielen lassen und ich spiele alleine die erste Geige. Das funktioniert heute nicht so gut.“
Auner erklärte, dass die Ensembles zu Strauss’ Zeit wesentlich kleiner waren:
Daniel Auner: „Damals in der Zeit von Johann Strauss waren das Salonensembles mit Klavier mit kleinerer Besetzung von vielleicht neun oder zwölf Musikern, aber nicht mehr.“
In dieser kleineren Form war eine einzelne Solovioline als melodieführendes Instrument praktikabel:
Daniel Auner: „Und da funktionierte das: Es gab eine einzelne Solovioline.“
Das Wiener Hofburg Orchester besitzt eine größere Besetzung. Beim kleineren Wiener Residenzorchester wird diese historische Praxis nach Auners Aussage stärker beibehalten.
Daniel Auner: „Dieses Hofburg Orchester, in dem ich heute dirigiert habe, ist ein größer besetztes Orchester. Aber es gibt ein kleineres Orchester, quasi das Tochterorchester des Hofburg Orchesters: das Wiener Residenzorchester.“
Dort bleibt die Melodie stärker beim einzelnen stehenden Geiger oder bei der einzelnen Geigerin:
Daniel Auner: „Und dort ist die Tradition so wie bei Johann Strauss, dass der Geiger oder die Geigerin spielt alleine, so wie bei Johann Strauss die Melodien und die anderen begleiten. Aber das Orchester ist kleiner.“
Diese Erklärung macht deutlich, dass Caprice Viennois keine einfache historische Rekonstruktion ist. Auner übernimmt eine Wiener Tradition, passt sie aber an die Größe des modernen Orchesters und an die Dramaturgie des Konzertprogramms an.
Aus Sicht der Redaktion gelang diese Verbindung überzeugend. Die Doppelrolle wirkte nicht wie eine technische Demonstration, sondern ergab sich logisch aus dem musikalischen Konzept.
Der Arbeitsalltag hinter der scheinbaren Leichtigkeit
Auf der Bühne wirken die Walzer, Polkas und Operettenmelodien leicht und selbstverständlich. Hinter dieser Leichtigkeit stehen jedoch intensive Vorbereitung und ein dichter Konzertbetrieb.
Deutschland Heute fragte Daniel Auner, wie er und seine Kolleginnen und Kollegen ihre Zeit außerhalb der Bühne verbringen:
Daniel Auner: „Es gibt jetzt momentan im Sommer sehr viele Konzerte, eigentlich fast jeden Abend.“
Um diese Belastung auszugleichen, seien Bewegung und Sport wichtig:
Daniel Auner: „Und deswegen ist es für uns als Musiker wichtig, dass wir, damit wir jeden Abend eine gute Performance machen können, auch ein bisschen Ausgleich machen, ein bisschen Sport, ein bisschen Schwimmen gehen.“
Er ergänzte: „Es ist natürlich jetzt sehr heiß, aber ein bisschen Bewegung ist sehr wichtig sonst.“
An einem Konzerttag bleibt jedoch kaum Raum für andere Aktivitäten:
Daniel Auner: „Aber es ist wirklich schwer an einem Tag, wo man am Abend ein Konzert spielt und dirigiert mit einem vollen Saal und viele Menschen, dass man einfach was anderes machen kann.“
Die mentale Vorbereitung beginnt bereits am Morgen:
Daniel Auner: „Normalerweise steht man in der Früh auf und man denkt eigentlich nur an das Konzert am Abend. Man kann nicht wirklich etwas anderes machen.“
Auner beschrieb den Ablauf eines solchen Tages sehr konkret:
Daniel Auner: „Man ist eigentlich in der Früh, man macht ein Frühstück, dann schaut man sich das Programm nochmal an, dann schaut man sich die Noten noch einmal an, dann übt man auf der Geige und dann irgendwann einmal geht man hierher und übt. Aber was anderes geht nicht.“
Auf die Frage nach der Zahl seiner Konzerte im Sommer antwortete er: „Im Sommer zwischen 25 und 30.“
Diese Zahlen verändern die Wahrnehmung der Aufführung. Was im Saal leicht, spontan und beinahe mühelos erscheint, ist das Ergebnis eines hoch konzentrierten Berufsalltags. Die sichtbare Lebensfreude auf der Bühne ist keine Abwesenheit von Disziplin. Sie ist vielmehr das Resultat dieser Disziplin.
Johann Strauss und die Entstehung einer frühen Populärkultur
Im Gespräch mit Daniel Auner ging es auch um die Frage, wie Musik dazu beitragen kann, die österreichische kulturelle Identität zu verstehen.
Deutschland Heute: „Unter Ihren Gästen befinden sich viele internationale Besucherinnen und Besucher. Wie kann Musik Ihrer Meinung nach helfen, die österreichische kulturelle Identität besser zu verstehen?“
Auner begann seine Antwort mit einer klaren Forderung:
Daniel Auner: „Man muss diese Musik aus dem Kontext heraus verstehen.“
Er ordnete die Musik in die gesellschaftliche Geschichte des 19. Jahrhunderts ein: „Die Musik entstand in den letzten 50 Jahren des 19. Jahrhunderts. Das war eine Zeit immer noch in der Monarchie, aber nach einer sehr strengen militärischen Diktatur.“
Auner sprach anschließend über den Wiener Kongress, die Biedermeierzeit und die politische Kontrolle unter Fürst Metternich: „Wir hatten 1814/1815 den Wiener Kongress und die Zeit von Biedermeier und das war eine Zeit, wo wir einen Polizeistaat gehabt haben. Fürst Metternich war der Chef dieses Polizeistaates.“
Er beschrieb die Einschränkungen des öffentlichen Lebens:
Daniel Auner: „Es gab Versammlungsverbote, man durfte sich nicht auf der Straße treffen, durfte sich nicht in Kaffeehäusern treffen, alle wurden überwacht. Es war ein kompletter Überwachungsstaat.“
Unter diesen Bedingungen verlagerte sich ein Teil des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in die privaten Räume:
Daniel Auner: „Und es begann sich die Musik beziehungsweise – die Menschen begannen, sich in ihren eigenen vier Wänden in ihrem eigenen Zuhause schöne Möbel zu kaufen, schön einzurichten Das war die Zeit von Franz Schubert.“
Er führte weiter aus:
Daniel Auner: „Das war die Zeit, wo man zu Hause versucht hat, ein bisschen Lebensqualität zu finden, weil es mit anderen Menschen verboten war.“
Mit dem allmählichen Ende der repressiven Phase entwickelten sich neue öffentliche Tanz- und Unterhaltungskulturen:
Daniel Auner: „Danach begann langsam das Ende dieses Polizeistaates, dieser Polizeidiktatur und damit begann langsam diese Tradition der Tanzveranstaltungen, Bälle.“
Auner erklärte, dass Bälle zwar bereits zuvor existierten, aber kontrolliert und vor allem der Aristokratie vorbehalten waren:
Daniel Auner: „Das heißt, es gab auch schon zur Zeit von Metternich gab es Bälle, aber sie waren eben überwacht und sie waren nur für die Aristokratie gedacht.“
Johann Strauss Vater begann nach Auners Darstellung, Musik in Gasthäusern und Restaurants außerhalb der damaligen Stadtgrenze zu spielen:
Daniel Auner: „Aber Johann Strauss Vater, der in den 1820er-Jahren begonnen hat, in den Gasthäusern, und Restaurants außerhalb der damaligen Wiener Stadtgrenze, einfach in den Gasthäusern Musik zu spielen, typische traditionelle Menuettänze, die jetzt noch keine Walzer waren, einfach Tanzmusik, Volksmusik.“
Strauss erkannte, dass die Musik das Verhalten der Gäste veränderte:
Daniel Auner: „Und gemerkt hat, dass die Menschen einfach dann länger bleiben, im Gasthaus, mehr essen, beginnen dazu zu tanzen.“
Daraus entwickelte sich allmählich eine eigenständige Veranstaltungsform:
Daniel Auner: „Hat langsam dann gemerkt, dass er auch ohne Restaurant die Menschen bringen in einen Raum und spielt seine Musik.“
Seine Söhne führten diese Tradition weiter:
Daniel Auner: „Und seine drei Kinder, Johann Josef und Eduard Strauss, haben dann diese Tradition weiter und immer weiterentwickelt zu einer unglaublich großen Industrie, der ersten richtigen Populärmusik.“
Für Auner war die Musik von Strauss eine frühe Form von Popmusik, die nicht mehr ausschließlich der gesellschaftlichen Elite vorbehalten war:
Daniel Auner: „Im 19. Jahrhundert war das das erste Mal, dass es richtig etwas wie Popmusik gegeben hat. Das war die Musik von Johann Strauss. Das heißt, jeder Mensch hat diese Musik gehört, nicht nur die Elite.“
In Wien wurde nach seiner Darstellung jeden Abend zur Musik von Strauss getanzt:
Daniel Auner: „Und es gab in Wien jeden Abend Menschen, die tanzen gegangen sind zur Musik von Johann Strauss.“
Er beschrieb große Veranstaltungsorte mit zahlreichen Tanzflächen und Musikern: „Es gab riesige Veranstaltungen mit zahlreichen Tanzflächen und vielen Musikern, bei denen jeden Abend getanzt wurde.“
Diese historische Perspektive erweitert das Verständnis des Programms. Walzer und Polkas sind nicht nur elegante Konzertstücke. Sie waren Teil einer sich verändernden städtischen Öffentlichkeit und einer frühen kommerziellen Unterhaltungskultur.
Caprice Viennois bringt diese ursprünglich gesellschaftliche und körperliche Musik in den Konzertsaal zurück, ohne ihren tänzerischen Impuls vollständig zu verlieren.
Chopin, Wien und die Dominanz des Walzers
Auner veranschaulichte die damalige Popularität des Walzers auch anhand einer Geschichte über Frédéric Chopin.
Daniel Auner: „Gleichzeitig viele andere Komponisten wurden in dieser Zeit komplett ignoriert, weil man gesagt hat, Wien will nur Walzer.“
Er fuhr fort: „Frédéric Chopin zum Beispiel. Chopin ist nach Wien gekommen und wollte hier seine Werke präsentieren und drucken lassen.“
Nach Auners Darstellung reagierte der Verleger mit dem Hinweis auf die Wiener Nachfrage: „Und der Verleger hat gesagt: ‚Tut mir leid, in Wien kann man nur Walzer verkaufen. Die Menschen wollen nichts anderes.‘“
Auner schloss diese Passage mit der Aussage: „Dann hat Chopin seine Walzer komponiert wegen Johann Strauss.“
Unabhängig davon, wie einzelne historische Zusammenhänge musikwissenschaftlich differenziert werden können, zeigt Auners Erzählung, wie stark der Walzer das öffentliche Musikleben Wiens prägte.
Er war nicht nur ein musikalischer Stil, sondern ein Markt, eine gesellschaftliche Mode und ein kulturelles Identifikationsangebot.
Die problematischen Kapitel der Wiener Musiktradition
Besonders bemerkenswert war, dass Daniel Auner im Interview nicht bei einer idealisierten Darstellung der Wiener Musikgeschichte stehen blieb. Er sprach auch über die Instrumentalisierung der Strauss-Musik während des Nationalsozialismus.
Daniel Auner: „Das nächste Mal, wo die Musik von Johann Strauss wieder sehr wichtig geworden ist, war während der Zeit des Nationalsozialismus, weil die guten, wichtigen Musiker, die in Wien vorher gelebt haben, waren alle jüdisch und sie wurden alle umgebracht.“
Auner setzte fort: „Und dann waren die Orchester hier alle ohne gute Musiker. Also hat man gesagt: Man spielt Musik von Strauss. Das mögen die Wiener.“
Anschließend warnte er davor, die gesamte österreichische kulturelle Identität ausschließlich über diese Tradition zu definieren:
Daniel Auner: „Diese Geschichte, diese Tradition, diese Walzertradition ist nicht alleine genug, um die kulturelle Identität Österreichs zu zeigen.“
Er betonte dennoch ihre Bedeutung: „Es ist ein Teil davon. Es ist ein Teil von unserer Identität.“
Die Geschichte dieser Musik ist nach seiner Auffassung widersprüchlich: „Es hat viele Geschichten. Es hat gute Geschichten, es hat schlechte Geschichten.“
Auch wenn die Werke ursprünglich nicht als politische Musik komponiert wurden, erhielten sie später politische Funktionen:
Daniel Auner: „Natürlich ist die Musik von Johann Strauss damals, wie sie komponiert wurde, sie war nicht politisch, aber sie wurde später politisiert.“
Auner ergänzte: „Es wurde mit dieser Musik damals auch Politik gemacht.“
Diese Offenheit war aus journalistischer Sicht besonders wertvoll. Ein Konzertprogramm über Wiener Tradition gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn es nicht nur die repräsentativen und angenehmen Seiten dieser Tradition präsentiert. Kulturelles Erbe ist niemals neutral. Es verändert seine Bedeutung je nachdem, in welchem gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang es aufgeführt, verbreitet oder instrumentalisiert wird. Caprice Viennois vermittelt auf der Bühne vor allem Freude, Schönheit und Eleganz. Das Gespräch mit Auner öffnete jedoch einen Raum für die historische Ambivalenz hinter diesen Werken.
Vom Tanzsaal in den Musikverein
Daniel Auner sprach außerdem über die Veränderung des kulturellen Status der Strauss-Musik.
Daniel Auner: „Und erst jetzt eigentlich wird wirklich von der Gruppe von Menschen, die normalerweise in Konzerte, ins Konzerthaus oder in den Musikverein gehen, diese Musik, diese damals Tanzmusik als seriöse Musik akzeptiert.“
Noch vor wenigen Jahrzehnten sei sie stärker als populäre Unterhaltung wahrgenommen worden:
Daniel Auner: „Bis vor 30 oder 40 Jahren war das immer noch Popularmusik.“
Er beschrieb den aktuellen Wandel folgendermaßen: „Also erst jetzt beginnt langsam so, dass man Das ist so gut wie Johannes Brahms. Früher hat man gesagt, das ist viel schlechter.“
Diese Aussage verweist auf eine grundlegende kulturhistorische Entwicklung. Viele Werke, die heute zum anerkannten klassischen Kanon gehören, entstanden ursprünglich für Unterhaltung, Tanz, gesellschaftliche Veranstaltungen oder kommerzielle Bühnen. Die heutige Aufführung im Mozartsaal verändert ihren institutionellen Rahmen, doch die ursprüngliche Energie bleibt in den Rhythmen erhalten. Gerade deshalb sollte die Musik von Strauss nicht ausschließlich feierlich und schwer interpretiert werden. Ihre Eleganz lebt von Bewegung, Humor und einem gewissen Maß an gesellschaftlicher Unordnung.
Wiener Humor, Ironie und „Wiener Blut“
Als Beispiel für die besondere österreichische Mentalität verwies Auner auf das Duett Wiener Blut.
Daniel Auner: „Aber trotzdem die Texte, die verwendet werden. Ein Beispiel. Es gibt hier das Duett Wiener Blut.“
Er schilderte die zugrunde liegende Szene der Operette:
Daniel Auner: „In dem Wiener Blut gibt es eine Dame und einen Herrn. In dieser Operette hat Johann Strauss eine Szene gezeigt.“
Daniel Auner erläuterte die Szene als Beispiel für den besonderen Wiener Humor. Die Frau kehrt nach Wien zurück und konfrontiert ihren Mann mit seinem Verhalten. Anstatt jedoch eine Entschuldigung zu verlangen, deutet sie seine Veränderung ironisch als Ausdruck einer Eigenschaft, die ihm zuvor gefehlt habe: des „Wiener Blutes“.
Auner beschrieb diese Szene als bewusst mehrdeutig: „Also es ist sehr zynisch, es ist sehr bizarr, es ist nicht ernst. Es ist alles.“
Und er ergänzte: „Er macht immer Spaß über die schlechten Menschen in dieser Stadt.“
Für Auner zeigt sich darin ein charakteristischer Zug des österreichischen Humors: Moralische Widersprüche werden nicht eindeutig aufgelöst, sondern mit Ironie, Selbstkritik und einer gewissen Leichtigkeit betrachtet. Diese Passage macht deutlich, dass Wiener Lebensfreude nicht ausschließlich aus Harmonie und Schönheit besteht. Sie enthält auch Ironie, Zynismus, Selbstkritik und die Fähigkeit, menschliche Schwächen humorvoll zu betrachten. Gerade diese Ambivalenz schützt die Wiener Operette vor Sentimentalität.
Der Monti Csárdás und die internationale Dimension Wiens
Ein weiterer Höhepunkt des Konzertprogramms war der Monti Csárdás, interpretiert vom langjährigen Konzertmeister des Wiener Hofburg Orchesters, Christian Scholl. Das Werk lebt vom Kontrast zwischen langsamen, expressiven Passagen und zunehmend schnellen, virtuosen Abschnitten. Es verlangt sowohl technische Präzision als auch rhythmische Freiheit. Innerhalb von Caprice Viennois verweist der Csárdás zugleich auf die internationale und mitteleuropäische Dimension der Wiener Musikkultur.
Wien war über Jahrhunderte ein kultureller Begegnungsraum. Österreichische, ungarische, böhmische, italienische und weitere musikalische Traditionen beeinflussten sich gegenseitig. Auch die Werke von Franz Lehár und Emmerich Kálmán sind ohne diesen Austausch kaum vorstellbar.
Der Konzertabend zeigte deshalb keine kulturell isolierte Wiener Tradition. Vielmehr wurde Wien als ein Zentrum sichtbar, in dem unterschiedliche musikalische Sprachen aufgenommen und zu einem eigenen Stil verbunden wurden.
Was Caprice Viennois besonders macht
1. Eine klare und verständliche Dramaturgie
Das Programm verband sehr bekannte Werke mit solistischen und emotional ernsteren Akzenten. Dadurch entstand ein Abend, der auch für Menschen ohne vertiefte klassische Vorbildung zugänglich blieb, ohne künstlerisch beliebig zu wirken.
2. Die glaubwürdige Doppelrolle Daniel Auners
Der Wechsel zwischen Dirigieren und Violinspiel erschien nicht als Showeffekt. Er war historisch begründet und musikalisch sinnvoll in die Dramaturgie integriert.
Auner leitete das Orchester nicht nur von außen. Als Solist wurde er selbst Teil des klanglichen Geschehens und übernahm in den entscheidenden Momenten eine unmittelbar erzählende Funktion.
3. Die Verbindung von Leichtigkeit und Ernst
Walzer, Polkas, Operettenmelodien, Tanz und vokale Brillanz vermittelten die angekündigte Wiener Lebensfreude. Gleichzeitig verhinderten die Kreisler-Hommage und der Bezug auf Krieg, Verlust und Erinnerung, dass diese Lebensfreude oberflächlich wirkte.
4. Eine international verständliche kulturelle Sprache
Das Programm funktionierte auch ohne umfangreiche Vorkenntnisse. Die emotionale Struktur der Musik war für ein internationales Publikum unmittelbar nachvollziehbar.
Gerade für Wien-Besucher ist dies entscheidend: Sie erhalten nicht nur eine Erklärung der österreichischen Kultur, sondern erleben sie über Klang, Rhythmus, Bewegung und Atmosphäre.
5. Ein traditionsbewusstes, aber nicht museales Wien-Bild
Caprice Viennois präsentierte die Wiener Musiktradition respektvoll, aber nicht unbeweglich. Das Konzert zeigte, dass kulturelles Erbe lebendig bleibt, wenn es interpretiert, hinterfragt und mit der Gegenwart verbunden wird. Besonders die Gespräche mit Maria Pichl und Daniel Auner erweiterten die Aufführung um Perspektiven, die im reinen Konzertmoment nicht vollständig sichtbar werden konnten. Maria Pichl erklärte die publikumsorientierte und emotionale Philosophie des Orchesters. Daniel Auner öffnete dagegen historische, politische und persönliche Zusammenhänge. Gemeinsam machten beide Interviews deutlich, dass hinter der scheinbaren Leichtigkeit des Abends ein bewusst entwickeltes künstlerisches Konzept steht.
Ein magischer Abend voller Wiener Tradition und Lebensfreude
Zum Abschluss des Gesprächs bat Deutschland Heute Maria Pichl, Caprice Viennois in nur einem Satz zu beschreiben: „Also ich würde sagen, Caprice Viennois ist einfach ein magischer Abend voller Wiener Tradition und Lebensfreude in einem Satz.“
Diese Formulierung fasst den unmittelbaren Eindruck des Abends treffend zusammen. Caprice Viennois bietet die festliche Atmosphäre, die viele Menschen mit Wien verbinden. Zugleich besitzt das Programm genügend historische und emotionale Tiefe, um über eine touristische Konzertunterhaltung hinauszugehen. Der Mozartsaal schafft die notwendige Nähe, das Wiener Hofburg Orchester trägt die stilistische Vielfalt des Programms, und Daniel Auner verbindet die Tradition des Violindirigenten mit einer persönlichen Hommage an Fritz Kreisler.
Die Redaktion verließ den Konzertsaal mit dem Eindruck, dass Wiener Lebensfreude hier nicht als oberflächliche Fröhlichkeit verstanden wird. Sie erscheint vielmehr als die Fähigkeit, Schönheit und Erinnerung, Leichtigkeit und Ernst, Tradition und Gegenwart gleichzeitig auszuhalten.
Informationen zur Konzertreihe
Konzert: Caprice Viennois
Orchester: Wiener Hofburg Orchester
Dirigent und Soloviolinist: Daniel Auner
Programm: Wolfgang Amadeus Mozart, Johann und Josef Strauss, Fritz Kreisler, Franz Lehár und Emmerich Kálmán
Veranstaltungsort: Mozartsaal im Wiener Konzerthaus
Ticketpreise: ab 45 Euro
Aktuelle Termine und Tickets:
https://www.hofburgorchester.at/caprice-viennois/
Bildnachweis: Die für die Collage verwendeten Konzertaufnahmen stammen von der offiziellen Website des Wiener Hofburg Orchesters. Das Porträt von Maria Pichl wurde ihrem LinkedIn-Profil entnommen. Collage und redaktionelle Gestaltung: Deutschland Heute.
